Berliner Kinder: Von nix kommt nix
15. September 2010
Dass mein Berliner Kind ein waschechter Berliner ist, erkennt man sobald er den Mund aufmacht. Aus „ich“ wird „icke“, die Schnauze hat er och.
Harris ist 33 Jahre alt, seit fast zehn Jahren verheiratet und bald dreifacher Vater. Ein klassischer, fast schon langweiliger Weg mag man meinen, wenn man ihn nicht kennt. Seine Optik, sein Verhalten und vor allem sein Beruf machen ihn zu einem untypischen Deutschen, Familienvater und Rapper.
Wir begrüßen uns mit einer Umarmung. Trotz hoher Schuhe fühle ich mich klein. Seine Haare sind zu einem Irokese rasiert. Er trägt eine karierte Nike Jacke, eine graue Jeans und auch Nike Sneaker. Seine Arme sind voll mit Tattoos. Im Gespräch erfahre ich, der Rest seines Körpers auch. Wir setzen uns in ein Café im Westen. Draussen regnet es in Strömen, doch wir gehen ab und an während des Gesprächs raus, um eine zu rauchen.
Von einem deutschen Berliner Rapper, der schon mit Sido als Lieblingsrapper zusammen arbeitete, erwartet man eigentlich andere Texte. Es fällt auf, dass er viel über die Liebe zu seiner Frau und seinen Kindern spricht. „Vielleicht mache ich es, weil es nicht üblich ist. Gerade Rap spiegelt immer das wider, was man sieht und lebt. Ich für meinen Teil sehe nun mal meine Frau und meine Kids als die Hauptrolle in meinem Leben an. Songs über Party, Alkohol und Drogen habe ich auch“, lächelt er und greift zu seinem Kaffee.
Bei dem Stichwort Party hake ich nach. Nicht nur in Berlin, sondern auch in anderen Städten macht Harris viel Party oder trifft sich mit seinen Jungs. Teil des Jobs oder doch nur persönlicher Freiraum? „ Ich gehe viel aus, weil ich gerne unter Leute bin. Als DJ muss man das auch sein, aber ich muss ehrlich gestehen, dass das ein Laster von mir ist, denn ich mache nun mal gerne Party“, grinst er mich an. Ich nicke ihm stimmend zu und muss auch schmunzeln. „Wenn ich zum Beispiel in Berlin ausgehe, lege ich meistens davor auf oder habe ein Meeting, Abendessen oder ähnliches. Party machen bei mir hat sich nur in den Jahren verändert: Der Unterschied zu damals ist, dass ich jetzt die Miete damit zahle, meine Familie ernähre und damit meinen Kids was zum Anziehen kaufen kann. Ich bin gesegnet und habe Glück, dass ich mit ’Party machen’ Geld verdiene.“
Gerade für mich ist es erstaunlich, dass ein Mann im Alter von 23 geheiratet hat. So komme ich nicht umhin ihn zu fragen, ob man da überhaupt schon bereit ist für die Ehe? Hat man wirklich alles zuvor gesehen?
Harris bestellt ein Stück Käsekuchen.
„Ich hab in dem Moment einfach gewusst, dass es so sein soll. Ob man im Allgemeinen dafür bereit ist, kommt ganz auf den Menschen drauf an. Ich glaube es gibt viele, die heutzutage aus den falschen Gründen heiraten. Sei es wegen einer Schwangerschaft, den Steuern, Druck der Familie etc. Teilweise haben viele gar keine Ahnung, was es überhaupt bedeutet verheiratet zu sein. Da gibt es Typen, die von ihrer “Frau” erzählen und umgekehrt und die sind gerade mal fünf Monate zusammen und nach weiteren fünf Monaten ist ein anderer plötzlich die “Frau“ oder der “Mann“. Viele haben nicht mehr den nötigen Respekt oder die nötige Wertschätzung einer Ehe gegenüber.
Es ist schon wichtig eine gewisse Erfahrung zu haben oder sie mit in die Ehe zubringen. Ein Wenig von der Welt gesehen zu haben oder bestimmte Dinge gemacht zu haben ist nicht verkehrt.“
Gesehen habe auch ich ihn auf diversen Events, in Clubs. Den Blick dafür oder doch nur die Neugier, sehe ich immer wieder Groupies, die am Bühnenrand stehen oder mit den Hufen am DJ-Pult scharren. Ich sehe an seinem Blick, dass ihm das Thema nicht unangenehm ist, vielmehr schwillt seine Brust. Auf meine Frage hin, inwieweit er die Aufmerksamkeit von Frauen genießt und wann es zu weit geht, antwortet er mit: „ Ja ja, die Weibaz.“ Wir müssen beide laut lachen.
„Es geht um Aufmerksamkeit bei fast allem was ich mache, sonst würde ich nicht machen, was ich mache. Natürlich ist es toll, wenn Frauen geiern, klingt komisch aber es ist auch lustig wie die Typen geiern. Beide Parteien kiecken gleich, manchmal mit Hate in den Augen und manchmal mit Liebe. Letzteres ist mir natürlich lieber.
Wann es zu weit geht sollte für jeden klar sein. Wenn ich ein Foto machen soll mit einem Mädchen, dann mach ich das. Wenn sie mich dann aber nicht loslassen will, weil sie so in Euphorie ist, dann schlag ich nicht gleich zu.“ Ich höre die Ironie heraus, schaue mich dennoch im Café um, ob das jemand gehört hat.
Ganz ungestört sind wir beim Rauchen nicht, denn immer mal wieder sehe ich Blicke von Jungs, die an uns vorbei laufen und ihn erkennen.
Er selbst ist verheiratet. Dennoch stelle ich ihm die Frage, was er zu den Männern sagt, die sich nicht festlegen können, die von Frau zu Frau tingeln. Wollen sie alle wirklich nichts Festes oder haben sie nur noch nicht die große Liebe getroffen? „Ja klar, gibt es genug davon, auch in meinem Kreis. Meistens, wenn die Männer die so genannte große Liebe erkennen, ist es schon zu spät. Der Zug ist abgefahren, hat Spaß gemacht, aber man hat es voll verkackt und es gibt dann sehr selten ein Happy End.
Oft, und ich glaube das ist bei Frauen nicht anders, kommt dann das sinnlose Besaufen, Rumvögeln und die tägliche Frage nach dem ’Warum’.
Viele Frauen und Männer sehen keinen Sinn in einer festen Beziehung oder haben Angst wieder verletzt zu werden oder oder. Aber ja, ich verstehe Typen, weil Männer sind sie glaube ich noch nicht, die einfach ohne große Bedenken leben. Habe ich auch gemacht mit 17 oder 18“, lacht er und fügt hinzu: „Scherz. Aber im Ernst, wann ist ein Mann ein Mann?“
Also verstehst du die Probleme der Single-Mädchen?
„Ich verstehe die Mädchen und Frauen dieser Erde, aber ich muss auch zugeben, dass sie zum größten Teil selbst schuld daran sind. Das fängt doch damit an“, plötzlich unterbricht er sich selbst und sagt: „Scheisse, ich glaube dit wird jetzt zu lang.“ Da ich aber persönlich das Gespräch an seinem Höhepunkt empfinde, ermutige ich ihn weiter zu sprechen.
„Also das fängt doch damit an, dass sie nicht das machen, was sie eigentlich wollen und was sie von einem Mann verlangen. Ich kann nur aus Erfahrung meiner Jungs reden, denn meine Frau hat mich nicht versucht zu ändern. Das ist oft das größte Problem, denke ich. Die Frau versucht den Typen nach und nach auf ihre Wünsche hin umzuformen. Aber wir sind kein Wunschkonzert. Wir sind simpel und einfach gestrickt, Am Wochenende gibt es zum Beispiel Fußball, in der Woche die Arbeit und zwischendurch noch die Freunde. Aber ihr versucht uns immer mehr von unserem geliebten, einfach gestrickten Leben weg zu holen, teilweise sogar zu reißen und wundert euch dann, wenn wir zickig werden. Und wir haben das Recht im Jahr 2010 zickig zu sein, wenn ihr Fußball moderiert. Ich meine, es könnte so einfach sein, aber ihr Frauen und wir Männer machen es uns auch gegenseitig schwer.“
Ich mag seine Art. Noch mehr mag ich, dass er dem Klischee eines Rappers so gar nicht entspricht. Er ist höflich, respektvoll und liebt. In jeder Hinsicht. Ich bin überrascht über seine offenen Worte über Frauen und fühle mich im gleichen Moment auch ertappt. „Könnnen wir dazu irgendwann noch ein Interview machen? Ich hätte viele Tipps“, fügt er hinzu. Ich überlege kurz und lächle ihn an.
Harris, eines meiner Berliner Kinder.
Comments
Eine Anwort zu “Berliner Kinder: Von nix kommt nix”
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16. September 2010 - 09:58 Uhr
What an intelligent insightful man. Very liberating!
Also kudos to you, this is totally your thing, interview. Gimme more!
Also did a little post a while back on the subject of men changing for girls and how it never works out.
http://streetkatze.wordpress.com/2010/06/25/nice-pussy/
miau